Sonntag, 17. November 2019

Extreme Armut

Paulo Anunciacao Interview mit dem amerikanischen Wissenschaftler Jeffrey D. Sachs
Quelle: PUBLICA, Portugal No. 476,10.07.2005

ZUM PROBLEM DER EXTREMEN ARMUT IN AFRIKA

Im Jahre 1985 nahm Prof. Jeffrey D. Sachs an einem Seminar über Bolivien teil. Zu dieser Zeit erlebte das Land eine Hyperinflation. Der junge Universitätswissenschaftler hob die Hand und erklärte: "Ich kann das Problem lösen!". Die Bolivianer waren einverstanden und Sachs ging mit seinem "Werkzeugkasten" nach La Paz. Und er hielt Wort: Bolivien gelang es, seine Währung zu stabilisieren. Es folgte eine mehrjährige Karriere im Dienste von Entwicklungsländern und jungen Wirtschaftsgebieten des europäischen Marktes (Polen, Rußland). In einem Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten war Sachs einer der wichtigsten Sterne Harwardsder Universität, wo er studiert hatte und im Alter von 28 Jahren einen Lehrstuhl übernahm. Heute ist er Professor an der Columbia-Universität (New York) und Direktor des Earth Institute. Er ist Direktor des Projekts des Jahrtausends (UNO) und Sonderberater des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan. Er ist Verfasser verschiedener Bücher und hunderter wissenschaftlicher Arbeiten, 50 Jahre alt. Er hat unlängst das Werk "Das Ende der Armut" veröffentlicht, eines Handbuchs für die Beseitigung der Weltarmut. Die Zeitschrift "Time" hat seinen Namen in die Liste der hundert einflussreichsten Personen der Welt aufgenommen.

Es gibt keine Rechtfertigung, täglich 20 bis 30 000 Menschen hungers sterben zu lassen, lediglich weil sie zu arm sind, um überleben zu können, bedauert Jeffrey Sachs Verfasser des Buches "Das Ende der Armut".. ... Die wissenschaftlichen und technologischen Entdeckungen haben uns absolut praktische, einfache und bewährte Mittel in die Hand gegeben, um dieser extremen Armut ein Ende zu setzen.

Im Buch "Das Ende der Armut" sagen Sie, daß die Armut in lediglich 20 Jahren beseitigt werden könnte. Ist diese Zielstellung real?..

Ich spreche von der extremen Armut, der Armut, die tötet, wie ich zu sagen pflege. Eine Armut, die derart tief ist, daß sie die Menschen ohne Mittel läßt, täglich das Überleben zu gewährleisten, ohne Zugang zu Trinkwasser, ohne eine Grundversorgung auf medizinischem Gebiet, ohne Strom oder Transport. Ich spreche von Extremen, von Situationen, wo die Menschen nicht ausreichend zu Essen haben noch Zugang zu den Grundmitteln der Krankheitsprävention - Impfungen, Moskitonetze zur Malaria-Prävention - noch Medikamente, die die Menschen nicht sterben lassen, wenn sie krank sind. Die ganze Ironie besteht darin, daß es absolut praktische, einfache und bewährte Mittel gibt, um dieser extremen Armut ein Ende zu bereiten. Ich suggeriere nicht, Mali und Äthiopien bis zum Jahre 2025 in reiche Länder zu verwandeln. Ich möchte lediglich auf den Fakt hinweisen, daß die Kinder Malis oder Äthiopiens mit unserer Hilfe in einem gesunden Ambiente aufwachsen und die Aussicht haben könnten, sich in produktive Mitglieder einer globalen Gesellschaft und Wirtschaft zu verwandeln. Diese Hilfe ist bescheiden. Sie hat nichts Heroisches an sich. Was erschüttert ist das. was wir machen könnten - aber nicht tun.

Wie viele Menschen in der ganzen Welt leben in extremer Armut?

Unter jeweils 6 Bewohnern des Planeten ist es einer, d.h. eine Milliarde Menschen. Anders ausgedrückt: einer von jeweils sechs Menschen ist durch Krankheiten, verursacht durch nicht zum Trinken geeignetes Wasser, Malaria, chronische Unterernährung usw. verletzlich. Mit den uns zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen und technologischen Mitteln gibt es keine Rechtfertigung für diese Art extremer Armut. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, täglich 20 bis 30 000 Menschen sterben zu lassen, weil sie zu arm waren, um zu überleben.

Was ist der Grund dafür, daß so viele Menschen in extremer Armut leben?

Die ärmsten Menschen der Welt sind deshalb so arm, weil sie über keine Mittel zur Erhöhung der Produktivität verfügen oder - schlicht und einfach ausgedrückt - um Nahrungsgüter in ausreichender Menge für ihre Familien zu produzieren. Sie sind arm, weil sie in Gebieten leben, wo die Malaria oder andere Krankheiten grassieren. Sie verfügen über keine ausreichenden Einnahmen, um diese Krankheiten zu kontrollieren. Sie sind arm, weil sie in isolierten Gebieten leben. Diese haben keine Strassen. Sie verfügen über keinen Strom und Fernmeldeverbindungen. Eintausend Millionen Menschen sind in dieser extremen Armut gefangen. Aber wir können ihnen helfen, aus dieser Situation herauszukommen. Es gibt gute Gründe dafür, es zu tun. Tun wir es nicht, werden wir Zeugen der Zunahme der Gewalt: es wird mehr Darfurs, mehr Instabilität, mehr Hass geben.

Welche Summe meinen Sie müßte in die auswärtige Hilfe investiert werden?

Die reichen Länder haben versprochen, für die auswärtige Hilfe 0,7 % des Brutto-Inlandsprodukts zur Verfügung zu stellen. Dieses Versprechen wurde vor kurzer Zeit, im Jahre 2002, wiederholt. Aber mehr als fünf Staaten haben das Versprechen nicht eingehalten (Schweden, Norwegen, Dänemark Holland und Luxemburg). Was die Vereinigten Staaten von Amerika betrifft, hätte dies 70 Cent je 100 Dollar des Brutto-Inlandsprodukts bedeutet. Aber die USA geben lediglich 15 Cent - den geringsten Betrag von allen reichen Ländern.

Wie hoch ist die gegenwärtige Summe der nordamerikanischen Hilfe für Afrika?

So unwahrscheinlich es auch erscheint, beträgt diese Hilfe lediglich zwei Milliarden Dollar. Wir sprechen von der Hilfe für 750 Millionen Menschen eines Erdteils, wo die Armut, der Hunger und die Krankheiten am meisten in der Welt vorkommen. Nur um eine Vorstellung zu haben - im Jahre 2005 werden die Vereinigten Staaten 500 Milliarden Dollar für ihre bewaffneten Streitkräfte ausgeben. Dieser Wert entspricht der Hälfte der Militärhaushalte aller (anderen) Staaten der Welt. Das heißt, daß die Nordamerikaner 250 Mal mehr für militärische Zwecke, als für friedliche ausgeben. Ich verstehe nicht, wie und wer auch nur daran denken kann, daß dies sinnvoll ist in einer Welt, die voll von Somalias, Darfurs und all der anderen Instabilitäten ist, mit denen - sowie mit dem zunehmenden Risiko der Ausdehnung von Terror und Epidemien - wir uns tagtäglich konfrontiert sehen.

Eine Frage, die viele Menschen bewegt, ist die nach der realen Effizienz dieser Hilfe. Stellen Sie sich einmal vor, daß die westlichen Staaten ihre Auslandshilfe im bedeutenden Maße erhöhen. Wie werden die Risiken der Korruption unter Kontrolle gehalten? Wie können wir sicher sein, daß all diese Millionen umgeleitet werden und nicht in entsprechender Form genutzt werden?

Es gibt Länder mit ernsthaften Problemen. Ich weiß nicht, was zum Beispiel die aktuelle Lösung für Länder wie Simbabwe oder Kongo wäre. Aber es gibt 49 Länder im subsaharischen Afrika und viele von ihnen befinden sich nicht im Kriegszustand. Viele der Staaten sind offene Demokratien mit einem Mehrparteiensystem und werden gut regiert. Was mich traurig stimmt ist, daß wir diesen Ländern nicht helfen. Wir ignorieren nach wie vor das Offensichtliche und sehen dem Tod von Millionen zu, ohne zu versuchen, zu helfen.

Sie suggerieren eine Strategie, die sich auf fünf große Eingriffe, auf konkrete Lösungen für die Probleme, gründet. Einer von ihnen - liest man in Ihrem Buch - ist die Dynamisierung der Landwirtschaft.

Die Ernte von Getreide in Afrika, wie der Mais, beträgt gegenwärtig im Durchschnitt eine Tonne je Hektar. Wenn wir die neuen wissenschaftlichen Technologien den ärmsten Afrikanern zur Verfügung stellen, wenn wir den afrikanischen Landwirten mit einigen grundlegenden Mitteln helfen - wie die Bewässerung Tropfen für Tropfen, mit chemischen oder organischen Düngemitteln - könnte dieser Durchschnitt im Zeitraum von einem bis zwei Jahren drei Tonnen erreichen. Das wäre die erste grundlegende Maßnahme.

Ein anderer Punkt: die Verbesserung der grundlegenden Gesundheitsfürsorge.

Das ist das direkteste und einfachste. Drei Millionen Kinder sterben jährlich an Malaria, einer Krankheit, die zu 100 % heilbar ist und in großem Maße vermeidbar. Es reicht etwas so Einfaches, wie ein mit Insektiziden imprägniertes Moskitonetz für das Bett und die richtigen Tabletten. Aber wir drehen diesen armen Menschen und ihrem Sterben erneut den Rücken zu. Wenn die Vereinigten Staaten und die anderen reichen Länder ihre Einwohner bitten würden, jährlich und pro Person 3 US-Dollar (2,50 ~) - das ist eine Tasse Kaffee bei Starbucks - zu spenden, wäre die Summe ausreichend, um die Malaria in Afrika unter Kontrolle zu halten. Es ist unfaßbar, daß dies nicht gemacht wird.

Dritter Punkt: in die Bildung investieren.

Erneut muß festgestellt werden, daß dies alles sehr simpel ist. Es gibt Hunderte Millionen Kinder, die in diesem Moment keine Schule besuchen. Wir wissen, daß wenn man eine einzige Schulspeisung anbietet, die ärmsten der Armen alles tun, um ihre Kinder in die Schule zu schicken. Aber hierfür ist es erforderlich, die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen und einen Teil dieser Produktion für die Schulspeisung unter Einsatz von lokalen Nahrungsmitteln zu nutzen. Das ist eine Formel, die immer zu Ergebnissen führte. Wir müssen lediglich alles Mögliche tun, um die kritischsten Gebiete des Hungers in der Welt damit zu erfassen.

Und was den Strom betrifft?

Viel kann getan werden, wie zum Beispiel die Installation von Photovoltaik-Platten in einer ländlichen Klinik oder die Nutzung eines mit Diesel betriebenen Generators für Menschen, die wirklich nichts haben und auf diese Weise an modernen Strom gelangen könnten, ohne von Holz als Energiequelle abhängig zu sein - übrigens eine gefährliche Energiequelle, die zum Kahlschlag der Wälder führt und die Lungen der Kinder in den Hütten vergiftet, da keine geeigneten Rauchabzüge vorhanden sind. Die modernen Technologien bieten einfache und direkte Abhilfen für das Problem. Wir müßten nur mehr auf die photovoltaische Energie setzen wie auch auf andere Methoden mittels erneuerbarer Energien.

Sie unterstreichen zum Schluß die Bedeutung von sauberem Trinkwasser und der öffentlichen Hygiene.

Auch hier verfügen wir über eine Unmenge von Technologien. In der Landwirtschaft können wir von etwas so Einfachem, wie der Bewässerung Tropfen für Tropfen sprechen oder über die mittels Pedalen betriebenen Wasserpumpen. Hinsichtlich des Trinkwassers gibt es gegenwärtig zahllose billige Formen der Reinigung des Wassers, einschließlich der Nutzung von Solarfiltem oder das Bohren von Brunnen in sicheren und geschützten Gebieten der Dörfer, damit die Einwohner aufhören Wasser zu nutzen, das sich unter freiem Himmel befindet.

Wenn wir in ein afrikanisches Dorf Geld investieren und diese fünf Punkte anwenden würden, würden da Bedingungen entstehen, die das Dorf zum Selbstversorger und von auswärtiger Hilfe unabhängig machen würden?

Wenn man dazu kommt, drei Tonnen Mais pro Hektar zu produzieren - anstatt einer Tonneist es nicht mehr notwendig, das gesamte zur Verfügung stehende Land landwirtschaftlich zu nutzen. Es gibt mehr Land und vor allem mehr Zeit für nicht landwirtschaftliche Aktivitäten, wie die Verarbeitung der Nahrungsmittel, die Produktion von Möbeln und viele andere mehr. Das Wichtigste ist, dem extremen Hunger zu entkommen. Der Schlüssel hierfür ist die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion und nicht Rodungen von Wäldern, um mehr landwirtschaftlich nutzbares Land zu erhalten. Jüngere Satellitenbilder beweisen uns jetzt, daß das Ausmaß des Kahlschlages im Amazonas-Gebiet viel größer ist, als das von der brasilianischen Regierung zugegebene. Wir wissen, daß dies die Folge der Erweiterung der Flächen für die Produktion von Sojabohnen am Rande des Amazonas-Gebiets ist. Dieses Wachstum ist auf Grund der Zunahme der chinesischen Nachfrage entstanden. Der Präsident Chinas, Hu Jintao, war zu Beginn des Jahres in Brasilien, wo er umfangreiche Verträge unterzeichnete.

Was bedeutet Ihnen Armut? Waren Sie jemals arm?

Meine Eltern wuchsen in einem relativ armen Ambiente auf, studierten jedoch später an Universitäten. Mein Vater war Rechtsanwalt. Ich bin in einem relativ behaglichen Ambiente der Mittelschichten in Detroit aufgewachsen, wußte jedoch, daß meine Familie in der vergangenen Generation arm war. Das erste Mal, als ich mit wirklicher Armut konfrontiert wurde, war während eines Besuches in landwirtschaftlichen Gebieten Indiens im Jahre 1978. Ich habe das Problem studiert und zu verstehen versucht, was zweifelsohne Einfluß auf die Wahl meiner Laufbahn hatte. Aber erst, als ich mich mit Afrika zu beschäftigen begann - 1995 - wurde mir die Realität der extremen Armut klar.

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